
Neue ADHS-Leitlinie: Was sich für betroffene Kinder und Familien ändert
Aufmerksamkeitsstörungen, Zappeligkeit, impulsives Verhalten – viele Eltern kennen die Fragen, die sich stellen, wenn ihr Kind in der Schule oder im Alltag immer wieder aneckt. Ist das noch „normal“, oder steckt mehr dahinter? Die kürzlich aktualisierte S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gibt hier eine wichtige wissenschaftliche Orientierung – und ist damit auch für unsere tägliche Arbeit eine zentrale Grundlage. Unsere Kollegin Anne Hausleider hat sich intensiv mit den Neuerungen befasst und die wichtigsten Punkte zusammengefasst.
Die wichtigsten Neuerungen im Überblick
Diagnostik
Die Diagnose basiert wie bisher auf einer umfassenden kinder- und jugendpsychiatrischen bzw. -psychotherapeutischen Untersuchung. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den tatsächlichen Auswirkungen und Beeinträchtigungen der Symptome im Alltag – also nicht nur darauf, ob Symptome vorhanden sind, sondern wie sehr sie das Kind im Leben einschränken. Auch mögliche Begleiterkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Autismus oder Lernstörungen werden gezielt mit in den Blick genommen.
Individuelle und gemeinsame Therapieplanung
Die Behandlung wird noch stärker auf das Alter, den Schweregrad der Symptome, mögliche Begleiterkrankungen sowie die persönlichen Ziele des Kindes oder Jugendlichen und der Familie abgestimmt. Eltern, Kinder und Jugendliche werden dabei aktiv in die Therapieentscheidung einbezogen – die Behandlung soll gemeinsam getragen werden, nicht „verordnet“.
Multimodale Therapie bleibt der Goldstandard
Eine erfolgreiche Behandlung kombiniert – je nach Bedarf – Psychoedukation, Elterntraining, psychotherapeutische Maßnahmen, schulische Unterstützung und, bei entsprechender Indikation, auch eine medikamentöse Therapie. Wichtig ist: Medikamente stehen nie für sich allein, sondern sind immer eingebettet in ein umfassendes Behandlungskonzept.
Bei mittelgradiger bis schwerer ADHS können Medikamente ein wichtiger Baustein sein, da sie neben der Aufmerksamkeit vor allem die Impulskontrolle stärken. Vielen Kindern und Jugendlichen gelingt es dadurch erstmals, einen kurzen Moment zwischen Impuls und Handlung zu gewinnen. Genau dieser „Moment“ schafft die Voraussetzung, neu erlernte Strategien aus der Therapie oder dem Elterntraining überhaupt im Alltag umzusetzen. Medikamente verändern nicht die Persönlichkeit eines Kindes – sie können jedoch die notwendige Grundlage schaffen, damit Lernen, Verhaltensänderung und positive Entwicklung möglich werden.
Ernährung: Ausgewogen statt Spezialdiät
Die aktuelle Leitlinie empfiehlt keine spezielle ADHS-Diät. Es gibt bislang keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass bestimmte Ernährungsformen ADHS grundsätzlich wirksam behandeln. Empfohlen wird stattdessen eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung, wie sie für alle Kinder und Jugendlichen gesund ist. Nur bei begründetem Verdacht auf individuelle Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Mangelzustände sollte dies gezielt ärztlich abgeklärt werden.
Bewegung als wichtiger Therapiebegleiter
Regelmäßige körperliche Aktivität wird ausdrücklich empfohlen. Sport kann Konzentration, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und emotionales Wohlbefinden verbessern. Gleichzeitig stärkt Bewegung das Selbstwertgefühl, reduziert Stress und fördert einen gesunden Schlaf. Idealerweise sollte Bewegung – mit Freude und möglichst täglich – fester Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen mit ADHS sein.
Unser Blick auf das einzelne Kind
Die Leitlinie ist für unsere Arbeit eine wichtige und verlässliche Grundlage – gleichzeitig ist uns wichtig, jedes Kind sehr individuell zu betrachten. Eine Diagnose ist bei uns deshalb nie das Ergebnis eines einzelnen Termins, sondern eines mehrstufigen diagnostischen Prozesses. In mehreren Terminen verschaffen wir uns ein möglichst genaues Bild:
- Wie zeigt sich die Problematik im konkreten Lebens- und Schulkontext des Kindes?
- Welche individuellen Fähigkeiten und Ressourcen bringt das Kind mit?
- Wie stellt sich die emotionale Situation des Kindes dar – gibt es Ängste, Belastungen oder Selbstwertthemen, die mit hineinspielen?
Ein besonderer Aspekt, der uns wichtig ist: Wir schauen geschlechterspezifisch auf das Störungsbild. ADHS bei Mädchen kann sich ganz anders zeigen als bei Jungen – oft weniger durch auffällige Hyperaktivität, sondern eher durch Unaufmerksamkeit, Tagträumerei oder innere Unruhe, die im Schulalltag leicht übersehen wird. Diese Unterschiede sensibel mitzudenken, gehört für uns zu einer sorgfältigen und fairen Diagnostik dazu.
Unser Anspruch
Wir begleiten Kinder, Jugendliche und ihre Familien nach den aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen. Gemeinsam entwickeln wir einen individuellen Behandlungsplan, der die Stärken Ihres Kindes berücksichtigt und alltagstaugliche Lösungen in Familie, Schule und Freizeit ermöglicht.


